Erfahrungsbericht: Der Fall Puppa

Montag, 15.August 2016 um 11:16 Uhr, bisher keine Kommentare

Ich bin ja nicht nur begeisterte Katzenhalterin und Tierphysiotherapeutin, sondern auch immer schon fasziniert von der Welt der Pferde gewesen. Selbst konnte ich mir ein Pferd leider nie halten, bin aber über meine Cousine und Islandpferdetrainerin Steffi zu einer ganz tollen Reitbeteiligung an einem Privathof gekommen.
Auf diesem Hof lebt die Besitzerin „meines“ Njalls mit ihrem Mann, ihren Schwiegereltern, den beiden Kindern und einigen Tieren: zwei Hunde, drei Pferde und ein Hofkater.

Dieser Kater kommt und geht, wie es ihm beliebt, schläft in der Scheune und lässt als Dankeschön auch mal eine erlegte Maus da 😉
Und vor kurzem kam er wieder und meine Bekannte stellte fest, dass er eine ganz böse Wunde an seinem Schwanz hatte – die Haut war bis auf den Knochen weggeschürft.
Der Gang zum Tierarzt brachte dann die erschütternde Gewissheit; der Schwanz fing bereits an, abzusterben, die Wunde war nicht mehr zu retten. Ihm mussten einige Zentimeter seines Schwanzes amputiert werden.
Meine Bekannte war recht verzweifelt; sie hatte keine Möglichkeit, dem Kater in ihrem Haus einen Bereich fern von den Hunden abzutrennen.
Da der Kater mich vom Stall recht gut kennt, habe ich ihr dann also angeboten, ihn zu mir zu nehmen, bis die Wunde der Operation verheilt ist.

Am Freitag wurde Puppa dann also operiert und kam danach zu mir nach hause – zuerst ins Bad, da das leicht sauber zu machen wäre, falls er auf den Boden pinkeln würde, denn ein Katzenklo kannte er ja auch nicht.
Die Empörungsrufe klangen durch die ganze Wohnung; wie konnten wir es wagen, ihn in einem solch winzigen Raum einzusperren? Nachdem er dort ein paar Stunden war und dann tatsächlich das Klo benutzt hatte, quartierten wir ihn also in den größeren Bereich Wohnzimmer und Küche um.
Meine eigenen drei Katzen waren gar nicht begeistert, plötzlich nur noch die halbe Wohnung zur Verfügung zu haben, arrangierten sich aber damit, als ich ihnen dafür „rund-um-die-Uhr-Freigang“ gewährte.
Puppa indes war auch mit der neuen Situation nicht vollkommen zufrieden und tat dies auch lauthals kund.

Puppa im Empörungsmodus ;-)

Puppa im Empörungsmodus ;-)

Das Katzengitter vorm Fenster wurde ausgiebigst auf Ausbruchssicherheit überprüft, bis ich dann das Fenster zugemacht habe aus Sorge, er könnte sich die Operationsnarbe wieder aufreißen – für jemanden, der vor kurzem noch in Narkose unter dem Messer lag, war er schon wieder erstaunlich fit. Anschließend hüpfte er dann noch etwas in der Küche herum und landete letztendlich mit absoluter Treffsicherheit auf dem Deckel des Rentnerbeckens meiner Blutegel. Nachdem er dieses dann auch noch beinahe heruntergeschmissen hatte, verzog er sich beleidigt hinter das Sofa und meckerte dort vor sich hin. Lenny saß in der zwischenzeit vor der geschlossenen Küchentür und meckerte ebenfalls, wir können ihn doch nicht einfach so ausschließen… Hachja, es ist nicht leicht 😉

Man kommt hier doch bestimmt irgendwie raus

Man kommt hier doch bestimmt irgendwie raus

Wir haben dann recht schnell festgestellt, dass Puppa sich durch intensive Krauleinheiten über längeren Zeitraum von seinem Kummer – und somit von seinem Geschrei – ablenken ließ.
Mein Partner und ich hingen also abwechselnd mit dem Oberkörper hinter dem Sofa, um den dort versteckten Schreihals schön durchzukraulen, was der in vollen Zügen genoss.
Die erste Nacht war… interessant. Damit meine Katzen nicht so wenig Platz hatten, ließ ich über Nacht das Fenster auf, was mir schon alleine viel Kopfzerbrechen bereitet hat, als ich das nämlich das letzte Mal tat, war danach meine Lolly 14 Tage verschwunden.
Zusätzlich hatte ich die ganze Zeit Panik, dass Puppa von jetzt auf gleich herausfindet, wie man Türen öffnet, aus der Diele ausbricht, durchs Fenster flieht und wir ihn niemals wiederfinden.
Zu allem Überfluss plärrte Puppa auch die halbe Nacht aus vollem Halse herum, an Schlaf war also in dieser Nacht wirklich kaum zu denken und um 06:40 Uhr am Samstag Morgen gab ich den Versuch auf und stand auf.

Puppa war über Nacht auf dem Klo gewesen, hatte etwas gefressen und sich offensichtlich ein wenig umgesehen, wie diverse heruntergeschmissene Gegenstände belegten.
Zuallererst haben wir dann auf Grundlage der recht schlaflosen Nacht einige Maßnahmen ergriffen: der Teil der Wohnung, in dem meine drei Katzen lebten, wurde mit dem Umstellen eines Kratzbaumes und der Kratztonne so hergerichtet, dass jede Katze auch dann einen Schlafplatz findet, wenn das Fenster über Nacht geschlossen bleibt und die Tür zu Puppas Teil der Wohnung wurde so malträtiert, dass die Klinke nach oben zeigte und er die Tür nicht öffnen konnte – abschließen kann man diese Tür nämlich leider nicht.
Anschließend stand die nächste Herausforderung an: Puppa sollte ab Samstag einmal täglich ein flüssiges Medikament einnehmen und ab Sonntag zweimal täglich 1 1/2 Tabletten eines anderen Medikamentes.
Da wir nicht wussten, was Puppa so mag, dass wir da evtl. die Medizin einschmuggeln könnten, haben wir einfach alles ausprobiert; Milch, schleck-Leckerlis, Päppelpaste, Thunfisch, Leberwurst… er verschmähte alles.
Uns blieb letzten Endes nichts anderes übrig, als uns den Kater zu packen und ihm das Medikament mit einer Spritze ins Maul einzuflößen. Und was tat dieser halb wilde, draußen lebende, kein Leben in der Wohnung kennende Kater, als zwei fremde Menschen ihn packten und ihm eine unbekannte Flüssigkeit einflößten??
Nun, er schluckte sie hinunter 😉
Er kam nicht einmal auf die Idee, sich zu wehren, jammerte zwar herum und verzog sich danach erneut hinter das Sofa, ließ es aber ansonsten klaglos über sich ergehen. Selten habe ich solch mustergültiges Verhalten bei der Medikamentengabe gesehen – meine drei könnten sich davon noch ein paar Scheiben abschneiden.

Das Wochenende haben wir dann zu einem großen Teil damit verbracht, uns zwischen Puppa und den anderen dreien aufzuteilen, damit sich nimand vernachlässigt fühlte.
Die Tabletteneingabe klappte nahezu reibungslos und so hatten wir nicht viel Arbeit mit Puppa, von dem wir das ganze Wochenende über sowieso mehr hörten als sahen 😉
Wenn er allerdings mal herauskam, dann war hardcore-schmusen angesagt! Dieser Kater ist so unfassbar liebesbedürftig und vertrauensvoll, dass es einem manchmal die Kehle zuschnürt.

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Am Montag stand dann ein Kontrollbesuch beim Tierarzt an, wofür meine Bekannte kam, um den Kater abzuholen. Puppa hat ein wahres Freudenfest aufgeführt, als er sie wiedersah, war kaum von ihr zu lösen und hat geschnurrt wie ein Weltmeister. Vom anschließenden Tierarzt-Besuch war er natürlich dann nicht mehr so begeistert, aber man kann schließlich nicht alles haben.
Der Tierarzt „verschrieb“ ihm noch ein paar weitere Tage Ruhe, weshalb Puppa nach dem Tierarztbesuch dann wieder bei uns landete.
Die Nacht verlief bis auf Puppas lautes Geschrei – an das wir uns als Hintergrundgeräusch mittlerweile fast schon gewöhnt hatten – ereignislos, doch am nächsten Morgen dann der Schock: Puppa hatte sich seinen Verband auf eigene Faust abgemacht.
Nun war der Tierarzt dienstags immer erst nachmittags ab 16 Uhr da. Da ich mir für Dienstag wegen einer anstehenden Thermenwartung sowieso Urlaub genommen hatte, war ich aber ja da und konnte im Auge behalten, ob Puppa versuchte, sich seine Fäden zu ziehen.
Daher einigte ich mich mit der Bekannten darauf, ihn im Blick zu behalten und nur zu einem anderen Tierarzt zu fahren, wenn er an die Wunde ginge. Ansonsten würden wir nachmittags den Tierarzt anrufen und fragen, ob wir vorbeikommen sollten oder den Verband einfach ab lassen.

Der vernähte Schwanzstummel

Der vernähte Schwanzstummel

Im Laufe des Dienstags taute Puppa dann auch immer mehr auf und ging auch außerhalb des Sofas auf Erkundungstour. Auch, wenn sich die Tür öffnete, erschreckte ihn das nicht mehr vollkommen und er verzog sich nicht direkt wieder hinter das Sofa.
Er fing an, anzukommen, wenn man ihn lockte und kam aufs Sofa gehüpft, wenn er gestreichelt werden wollte. Überhaupt wurde er offener für neue Ideen, fürchtete sich nicht mehr so sehr vor bewegten Bildern und sah alles mit neu erwachter Neugier an.
Wenn der Fernseher lief, schaute er immer noch misstrauisch und duckte sich etwas, verschwand aber nicht mehr direkt hinter dem Sofa.

Am Mittwoch war dann die Kontrolluntersuchung, die Tierärztin befand den Schwanz für in gutem Zustand, Puppa solle aber weiter drin bleiben und Medikamente bekommen, bis die Fäden am darauffolgenden Montag gezogen würden.
So lange sollte Puppa also bei uns noch bleiben und so war es dann auch.
Er hat sich eingelebt und wurde von Tag zu Tag mutiger.
Leider konnte er sich nicht damit abfinden, in der Wohnung eingesperrt zu sein, weshalb er uns die Wand neben den Fenstern abtapeziert hat 😀
Aber das war ein geringer Preis für seine schnell und sauber verheilende Wunde.

Nachdem Montag die Fäden gezogen wurden, kam er dann jedoch wieder nach hause in die Freiheit und war dort – nach einem kurzen Kontrollcheck auf dem Hof – direkt wieder auf Tour und kam erst Dienstag Abend wieder zurück.
Am Donnerstag stellte dann die Besitzerin fest, dass er sich die Wunde wohl irgendwie wieder aufgerissen hatte, es stand Haut ab und es blutete.
Die Tierärztin kam vorbei, schnitt die überstehende Haut ab und legte einen neuen Verband an.
Der hielt zwar nicht lange, aber die Wunde wuchs glücklicherweise schnell wieder von allein zusammen.

Mittlerweile sieht man von der Geschichte nur noch etwas, da die rasierten Haare an der Schwanzspitze noch nicht wieder vollständig nachgewachsen sind, die Wunde selbst ist kaum noch zu erkennen.
Eine „Nebenwirkung“ hat seine Zeit bei uns aber dennoch gehabt: Puppa ist nun auch fremden Menschen gegenüber viel zutraulicher und lässt sich auf dem Hof nicht mehr nur von mir und seiner Besitzerin durchkuscheln, sondern auch von meiner Cousine, und den Arbeitern auf dem Hof 😉

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